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Depressionen: Können Mittel aus Johanniskraut helfen?

Zuerst möchten wir wissen: Können Mittel aus Johanniskraut bei Depressionen helfen?
Dr. Linde: Bestimmte Arzneimittel aus Johanniskraut können sicher bei Depressionen helfen. Dafür gibt es eine ganze Reihe methodisch sehr hochwertiger kontrollierter klinischer Studien. Problematisch wäre allerdings, daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dies gelte für alle Johanniskraut-Präparate, also für die Klasse „Johanniskraut“ an sich.
Wie kann hier der Patient unterscheiden, wenn er daran denkt, sich ein Johanniskraut-Präparat zu kaufen? Hilft ihm die IQWiG-Information bei der Wahl weiter?
Dr. Linde: Nicht unbedingt. Der Grund dafür liegt einerseits im Grundsätzlichen, auf der anderen Seite ist er aber sicher auch die Folge spezifischer Probleme der IQWiG-Mitteilung. Man muss zwar einräumen, dass sich die IQWiG-Autoren schon damit auseinandergesetzt haben, dass es unterschiedliche Johanniskraut-Präparate gibt, die möglicherweise nicht alle dieselben Inhaltsstoffe haben und sich deshalb in ihrer Wirkung entsprechend unterscheiden. Auf der anderen Seite sind aber die Informationen, die IQWiG hierzu gibt, zu allgemein gehalten und zu wenig aufgeschlüsselt. Die Tatsache, dass Johanniskraut-Präparate – wie alle pflanzlichen Arzneimittel – ganz unterschiedliche Wirkungen entfalten können, je nach Herstellungsprozess und Dosierung, müsste unbedingt beachtet werden. Das leistet aber die IQWiG-Information nicht.
Im Gegenteil. Im Vorspann heißt es sogar wörtlich „ Kann Johanniskraut Depressionen bei Erwachsenen tatsächlich wirklich wirksam lindern, und wie schneidet das Produkt im Vergleich zu Medikamenten ab?“ Verkürzt bedeutet es doch: Es gibt das Johanniskraut und im Vergleich dazu die Medikamente. Für ein Institut, das offiziell so hoch angesiedelt ist und für sich in Anspruch nimmt „unabhängig, objektiv und geprüft“ zu informieren, sind solche Formulierungen doch ausgesprochen blamabel ...
Dr. Linde: Ich muss gestehen, dass ich kein Fachmann für Patienteninformationen bin und deshalb nicht sagen kann, wie man die Aufgabe besser lösen könnte. Allerdings glaube ich, dass die Art, wie es IQWiG gemacht hat, sicher nicht optimal ist. Wobei ich die Johanniskraut-Information noch für weniger problematisch halte als das Merkblatt „Nahrungsergänzungsmittel und komplementärmedizinischen Präparate“. Allein durch die Bezeichnung „komplementäre Mittel“ wird hier unvermittelt ein neuer Begriff eingeführt, der zunächst eher Verwirrung schafft als Klarheit. Es wäre also wünschenswert und sicher auch sinnvoll, wenn IQWiG mit der Zeit eine effektivere Arbeitsstrategie entwickeln würde.
Wie könnte sie aussehen?
Dr. Linde: Das Institut müsste externe Experten aus Forschung und Praxis in ihre Arbeit mit einbeziehen, damit die Informationen, die dann herauskommen, sowohl für die Patienten nützlich und verständlich sind, als auch wissenschaftlich gut vertretbar. Es ist klar, dass der Absender IQWiG eine Institution ist, die sich höheren Anforderungen stellen muss, als andere Informationsquellen. Und selbstverständlich muss sie es auch zulassen, dass ihre Aussagen offen kritisiert werden, weil sie insgesamt höher gewichtet wird als andere.
Was halten Sie von den IQWiG-Aussagen in der Johanniskraut-Information zu schweren Depressionen?
Dr. Linde: Von der Evidenzlage her ist die Formulierung „für schwere Depressionen konnte keine Wirksamkeit nachgewiesen werden“ nicht ganz zutreffend. Es ist so, dass die Daten insgesamt dafür sprechen, dass die Wirksamkeit von Johanniskraut-Präparaten bei ausgeprägteren Symptomen geringer zu sein scheint. Zu schweren Depressionen liegen nur wenige Studien vor; allerdings haben diese zum Teil eine Gleichwertigkeit mit synthetischen Antidepressiva gezeigt.
Hilft Interessierten die IQWiG-Information überhaupt, sich im Falle eines Verdachts auf eine Depression adäquat zu verhalten?
Dr. Linde: Was mir insgesamt in der Patienteninformation fehlt, ist die klare Aufforderung, wenn jemand depressive Symptomatik zeigt, sie vom Arzt abklären zu lassen. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass man den Patienten empfehlen soll, jede depressive Verstimmung, die mehr als nur leichte Symptome entwickelt, vom Arzt behandeln bzw. abklären zu lassen. Und der weiß dann hoffentlich, welche Johanniskraut-Präparate hochwertig sind und welche nicht.

KFN 7/2008 – 16. Juli 2008

 

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